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#03 | between the lines 1

13. - 18. April 2008 / Rehlovice Czech Republic
Performance Seminar / in Kooperation mit der TU-Dresden - Institut für Kunst- und Musikwissenschaft, FB Kunstpädagogik und PAS | Performance Art Studies
mit Marie-Luise Lange und BBB Johannes Deimling



performances

block 1
nicole gruhne, de
katrin schleifring, de
ariane grille, de
madlen leutert, de
franka daneck, de

block 2
susanne wahl, de
susanne krüger, de
cornelia bliefert, de
susan jankowski, de
undine gey, de

block 3
konstanze schütze, de
susan richter, de
susanne bauer, de
nicole otte, de
helene cersovsky, de

block 4
sara sparmann, de
elfi glasenapp, de
valeria drotskaja, de
isabel eisfeld, de
shuah brotherton, de

Photos: Marie-Luise Lange und BBB Johannes Deimling



Sucht euch ein Anfangsbild
(text BBB Johannes Deimling)

... und wieder einmal ein Beweis dafuer, dass Performance Kunst lehr- und lernbar ist...

Vom 13.-18. Mai 2008 fand das von Marie-Luise Lange und BBB Johannes Deimling geleitete Performance - Seminar auf dem ehemaligen Gutshof und jetzigem Kulturcentrum in Rehlovice in Tschechien statt.

Der Kontext, in dem Kunst entsteht, ist von erheblicher Bedeutung. Und so war die Wahl des Gutshofes Rehlovice mit seinen umgebauten Räumen, seinen Freiflächen und Scheunen, seiner grossen Wiese mit kleinem Teich ein idealer Ort, um einen Performance - Workshop zu realisieren. Für die Übungen, Aufgaben und Prozesse während des Workshops bot der Ort ideale Voraussetzungen. Denn seine Beschaffenheit bot alle Möglichkeiten, die für einen tiefgreifenden kreativen Prozess notwendig sind. Das wurde besonders bei den performativen Abschlusspräsentationen, die über den Hof und seine Gebäude verteilt an unterschiedlichen Orten stattfanden, deutlich.

Die meisten Seminarteilnehmer hatten zuvor nichts über Performance gewusst, nur einige hatten etwas Vorwissen und praktische Erfahrungen im Theaterbereich. Ziel des Seminares war es, dass jeder Teilnehmer am Ende eine eigenständig erarbeitete Performance realisiert.

An den ersten beiden Tagen wurde mit der gesamten Gruppe gearbeitet, die sich dann auf 2 Gruppen a 10 Teilnehmer, die dann allerdings bis zur Abschlusspräsentation Bestand hatten, verteilte.

In einzelnen Schritten wurden in Übungen, Versuchsanordnungen und kleinen einzelnen Präsentationen Wege zur Performance Kunst erarbeitet. In der Gruppenübung Scriptwork konnten unterschiedliche Tools (Werkzeuge für die Performancearbeit) erfahrbar gemacht werden. Zu Beginn standen Fragen nach dem Körper als Werkzeug. Wir untersuchten - welche Möglichkeiten hat mein Körper, welche sind mir bewusst, welche nicht und wie helfen mir die Erfahrungen, die ich während der Übungen mache weiter. Es wurden fundamentale Aspekte der Performance wie peripheres Gesichtsfeld, aufrechter Gang, Aufnahme von Impulsen, Nachdenken über Rhythymen einer Handlung uam. erspielt, geübt und reflektiert. Auch das abstrakte, faktische Handeln im Raum wurde erarbeitet. Wir entfalteten ein Gespür dafür, wie in Begegnungen mit anderen Teilnehmern und in der oft zufälligen Interaktion mit ihnen Körpererfahrungen möglich werden, die ein starkes Bewusstsein für performatives Handeln schaffen. Ist der erste schauspielerische und pantomimische Mantel abgefallen, kann ein neutraler, freier Koerper eine Sprache erlernen, die sich jenseits theatraler Gebärden manifestiert. Die gemachten Körpererfahrungen wurden nach und nach mit anderen Elementen der Performancearbeit wie Zeit, Raum, Material, Kontext, Konzept etc. verbunden. Auf formaler wie persönlicher Ebene wurde intensiv nach eigenen Handlungskonstellationen geforscht, um sie letztendlich als Verbund von performativen und visuellen Elementen in einer Einzelpräsentation zusammenzuführen.

In den nach zwei Tagen gebildeten Gruppen wurden unterschiedliche Übungsansaetze verfolgt, die jedoch in den Abschlusspraesentationen sichtbar zu ähnlichen Ergebnissen geführt haben. Ein wichtiges Element in beiden Gruppen war die Materialkunde und die Idee fuer eine Performance. In verschiedenen Übungen und Untersuchungen wurde Material thematisiert. Es wurden Materialsammlungen angelegt und organische und nichtorganische Verbindungen zwischen den Materialen hergestellt. Es wurde den Fragen nachgegegangen was Material, was ein Gegenstand oder ein Objekt ist und welchen Sinn das Material hat, zu welchem Gebrauch es zur Verfügung steht und was es für Eigenschaften hat. Es wurde bestimmt, welchen Symbolwert bestimmte Materialien und Gegenstände haben. Material wurde entfremdet und für Dinge benutzt, für die es nicht bestimmt war (Haare kämmen mit einem Rechen). Das Material wurde mit Eigenschaftswörtern belegt und mit Wörtern generell in Zusammenhang gebracht. Gegenstand, Handlung und Abstraktion verschmolzen in kleine Päesentationen, die das Performancefeld begehbar machten.

In vielen Gesprächen wurde das Erlebte reflektiert. Um sich selbst sicherer zu werden in einer bis dahin ungewohnten Weise des Handelns und Agierens, wurde diesen Reflexionen der einzelnen Übungen und Aufgaben wurde viel Raum gegeben.

Besonders die Begriffe Abstraktion und Reduktion waren während der Übungen fortwährende Begleiter. Sie wurden meist theoretisch reflektiert, um im praktischen Tun besser zum Vorschein zu kommen.

Die Bereitschaft mit der die Teilnehmer die gestellten und geforderten Übungen und Aufgaben angegangen sind hat sehr dazu beigetragen, dass die Abschlusspräsentation ein qualitativ hohes Niveau erreicht hat. Es hat mich sehr überrascht zu sehen wie Kunstpädagogikstudentinnen bereit waren, sich den nicht immer einfachen Herausforderungen der Performance Kunst zu stellen. Denn sie hatten komplizierte, eine unbedingte Öffnung nach außen erfordernde Prozesse auszuhalten, zu verstehen, zu verarbeiten. Und sie hatten alle Erfahrungen und Erkenntnisse in eine hervorragende Präsentation münden zu lassen.

Deutlich wurde an diesem Seminar, das Performance Kunst nur dann wirklich verstanden wird, wenn man selbst einmal eine Performance gemacht hat und sich den notwendigen vorbereitenden Prozessen und Anforderungen auch wirklich stellt.

Wie klar es allen war, was an diesem Abschlussabend stattgefunden hatte, kam durch die Bemerkung „Ohne Worte.“ sehr gut zum Vorschein. Fast sprachlos war man über das Gesehene, was uns nicht abhielt, dennoch hervorragend auf einer anderen, im gemeinschaftlichen Gedächtnis visualiserten und erlebten Ebene zu kommunizieren. Es wurde viel gesprochen, aber nonverbal nochmals mehr und tiefer.

Auch wenn der Workshop sehr erfolgreich verlaufen ist, wird es wohl dennoch schwierig werden im Fach Kunst an Schulen das Medium Performance in einem Unterrichtsrhythmus von 45 oder 90 Minuten durchzunehmen. Hierfür müssten noch geeignete Methoden und Didaktiken entwickelt werden, die sich in diesen Zeitrahmen nützlich einbauen lassen. Der Blockunterricht im Fach Performance ist wohl nach wie vor sehr gut geeignet um die notwendigen Prozesse in Gang zu setzen.



Das macht glücklich!!!
(text Marie Luise Lange)

Ich stimme BBB Johannes Deimlings Darstellungen in allen Teilen vorbehaltlos zu und möchte diese durch einige eigene Überlegungen und Beobachtungen ergänzen.

Die Ziele eines Performanceworkshops bestehen natürlich nicht nur in der erfolgreichen Abschlusspräsentation einer stark wirkenden Performance, sondern vor allem auch darin, sinnlich-handelnd erarbeitete eigene Erfahrungen zu sammeln:

- mit der Belastbarkeit, Variabilität und Ausdruckshaftigkeit des eigenen Körpers

- mit der leiblich-energetischen „Besetzung“ von Räumen und Orten

- mit den komplexen und teilweise surrealen Umgehensmöglichkeiten mit Materialien und Gegenständen, sowie

- mit der wirkungsästhetischen Kraft von Zeit und Dauer von Handlungen.

Gleichzeitig, zunächst im Anschluss an eigene Handlungsschritte, dann aber zunehmend parallel, muss eigenes körperliches Erleben in reflektiertes Erfahrungs-, Körper- und Bildwissen transportiert werden. Es geht also um entscheidend mehr als um Performance. Oder besser - all das gehört zum Wissen über Performances dazu.

Es geht zunächst darum, bei den Teilnehmern psychische und physische Bedingungen des eigenen Zulassens von ungewöhnlichen, nicht alltäglichen Bewegungen, Gängen, Gesten, Handlungen und Aktionen zu schaffen. Dadurch wird eine Offenheit für das oszillierende Dasein des Spiels, das eigentlich im rationalisierten Alltag eines Erwachsenen zunehmend abhanden gekommen ist, wie für das Ungewöhnliche absurder, surrealer, nicht-alltäglicher Handlungen erzeugt. Werden Übungen mit diesen Intentionen organisch aufeinander aufbauend angeboten, stellt sich - wie wir es bei unseren Teilnehmerinnen erlebt haben - eine Art Sog, eine unhintergehbare Lust am immer weitergehen mit sich, am immer neuen Entdecken der eigenen Potenziale und am Hinausschieben der körperlichen wie geistigen Grenzen ein.

Was in solchen intensiven Übungssequenzen bei den meisten der Teilnehmenden (nicht bei allen) geschieht, ist oft ein sich einstellendes „Umbewerten aller bisherigen Werte“. Was „draußen“ - im Leben - normal war, scheint hier nicht mehr zu gelten. Und dennoch gehen wir ja alle mit unserem Alltagswissen und unseren körperlichen Alltagserfahrungen an die Beurteilung der wahrgenommenen Handlungen und Bilder heran. Wie könnte ich ein Bild - und Performances sind aneinandergereihte lebende Bilder - beurteilen, wenn ich nicht wüsste, dass z.B. das Tragen von 12 Ziegeln als Körperkleid über mehrere Stunden die Akteurin ungeheure Kraft und Ausdauer kostet, weil diese Ziegel ein hohes Gewicht haben?

Was ist Performance? „Der Begriff Performance bezieht sich auf das Flüchtige, schwer Feststellbare, Fließende, sich in Veränderung Befindende, das sich in Prozessen, Vorgängen und Ereignissen äußert. (…) Performance Art ist als eine Form von Aktionskunst ein prozessästhetisches Ereignis, bei dem die Handlung eines im „Echt-Zeit-Raum“ agierenden Künstlers zum Kunstwerk wird. Sie ist im weitesten Sinne ein übergreifendes Synonym für alle Formen von Kunst, die „bilderzeugende Handlungen“ vorführen. Zwangsläufig funktionieren Performances nur intermedial, denn sie benutzen neben dem handelnden Körper des Künstlers, neben der Dauer und dem Ort des Sich-Ereignens auch Materialien und Mittel aus ehemals traditionell anders definierten Kunstgattungen wie der Musik, dem Theater, dem Tanz aber auch aus dem Sport, dem Varieté, den elektronischen Medien uam.“ (Marie-Luise Lange: Über Lebendigkeit oder die Präsenz des (Un)-Sichtbaren In: Marie-Luise Lange (Hg.): Performativität erfahren. Aktionskunst lehren - Aktionskunst lernen. Schibri Verlag Berlin Milow 2006, 101/ 104)

Außer diesen den „inneren Raum“ betreffenden Optionen geht es in Performanceworkshops auch darum, den äußeren Raum und das personale Umfeld bewusster als je zuvor wahrzunehmen und spielerisch-experimentierend zu erproben. Zu diesem Umfeld gehören sowohl die räumlichen Gegebenheiten der Orte, an denen geübt, gehandelt, gespielt und agiert wird. Zu ihm gehören aber auch in besonderem Maße die anderen Workshopteilnehmenden und nicht zuletzt die Workshopleiter.

Die räumlichen Vorgaben des alten Brauerei-, Scheunen-, Stall- und Wohnkomplexes im Rehlovicer Kulturzentrum hätten anregender nicht sein können. Wir hatten mit dem phantastisch auf seine pure Architektur reduzierten, geweißten ca. 30 m langen, 10m breiten Stallgebäude einen nüchternen Ausgangsort für unsere Körperarbeit. In diesem Raum zählten nur die agierenden Körper der Teilnehmerinnen, es gab keine Ablenkung, keine räumliche Ausflucht, keinen Versteckort. Alle Energie aus den Übungen wurde hier gespeichert.

Es gab die weite, alle Gebäude verbindende Wiese, auf der warming up und Kommunikationsübungen geleistet und Sonne getankt wurde. Es gab die Brauereigebäude, welche sich selbst innen dunkel, hoch und sakral gaben und deren Dächer eine glatte Spielfläche, amorphe Wände und als Kulisse einen fensterumrahmten Überblick über die Teich- und Wiesenlandschaft des Gehöfts boten. Die Geschichte der Gebäude, ihr teilweiser ruinöser Zustand spielte atmosphärisch in allen performativen Aktivitäten mit.

Die zweite außergewöhnlich produktive Bedingung war das soziale Miteinander zwischen den Studierenden als auch zwischen Studierenden und uns Workshopleitern. Es ist ein nicht zu unterschätzender Unterschied, ob Performanceteilnehmer sich abends nach Hause, in ihr gewohntes Umfeld begeben oder wie in unserer Rehlovicewoche von morgens an bis spät in die Nacht zusammen sind. Man isst zusammen, man bereitet sich auf den Tag vor, man arbeitet zusammen und auch wenn die Performanceaufgaben offiziell beendet sind, kann jede Teilnehmerin weiter über die gesehenen Aktionen oder über das, was die andere Gruppe gemacht hat, kommunizieren. Und die Teilnehmer erleben, wie sie selbst und wie die Workshopleiter sich „entspannen“. Sie erleben die unterschiedlichen Temperamente, die verschiedenen Stärken und Profile ihrer Kommilitonen. In unserem Falle wurden Pizzen gebacken und Suppen gekocht, es wurde lautkreischend und wild gekickt und chinesisch Tischtennis gespielt. Und es wurde jeden Abend im Schlafraum eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen.

Offensichtlich ist es uns gelungen eine friedliche, produktive Atmosphäre zwischen den Workshopteilnehmern zu schaffen. Deren Höhepunkt gipfelte natürlich in den am Samstag über 8 Stunden aufgeführten Performances. Jede Performerin erhielt vor und während der Performance Hilfe durch die Kommilitonen oder durch Johannes und mich. Und die Leistung jeder Akteurin wurde bis in die Nacht hinein mit gleichbleibender Aufmerksamkeit wahrgenommen und mit Beifall belohnt.

Die am nächsten Tag versuchte erste Auswertung der erlebten 20 Performances - die sprachlich eigentlich kaum reflektierbar waren - und die Reflexion der Performancewoche bewies in jeder Aussage der Kunstpädagogikstudentinnen, dass sie in 6 Tagen eine extreme Persönlichkeitsentwicklung durchlaufen und eine stark erweiterte Sicht auf die verlebendigenden Schichten des Selbst sowie auf das berührende Vermögen von Performancekunst und performativen Prozessen überhaupt gewonnen haben.

Einige Studierende haben durch die Performancearbeit ein Stück weiter zu sich und zu den eigenen Wünschen und Interessen gefunden. Das macht glücklich!!!