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Birgit Rössler / 30 Minuten
 
Handlungsbeschreibung: Eine Baustelle im Haus. Mehrere alte Räume sind noch erkennbar und nacheinander aufgereiht. Sie sind jedoch schon keine abgeschlossenen Räume mehr. Eine frei­stehende Wand mit Durchbruch, wo schon einzelnen Ziegel fehlen, ohne Verbindung mit der Decke, die ist nicht mehr an dieser Stelle existent und gibt den Blick auf Dach­stuhl und Dach frei. Insgesamt ergeben drei Wände eine Nische, vor welcher sich ein Schuttberg aus Staub etwa hüfthoch türmt. Die Umgebung selbst hat den staubigen Charme, der gewöhnlich für Baustellen ist. An den Wänden selber blättern mehrere Farbschichten ab und geben den Blick auf Vorangegangenes frei. An­sonsten befand sich an der Wand wohl früher ein Ofen, was die durchfettete Ober­fläche der Farbe vermuten lässt. Alle Zuschauer nehmen Aufstellung, dass sie die Wand mit dem Schuttberg gut im Blick haben. Nachdem Ruhe eingekehrt ist, komme ich, gekleidet vollkommen in weiß, nett zu­recht­gemacht im T-Shirt mit Puffärmelchen und den weißen Riemchenballerinas. Das Haar ordentlich gekämmt, der Blick neutral nach vorn, an den Zuschauern vor­über­gehend, hole ich einen Eimer weiße Wandfarbe mit den für Malerarbeiten ent­sprechen­den Utensilien. Der Eimer wird vor dem Publikum angestellt und vor­sichtig geöffnet. Behutsam die Rolle eingetaucht und akkurat abgestrichen, wird der Schutt­berg beschritten und die Rolle mit der Farbe behutsam an der Wand ausge­rollt, ganz vorsichtig, sich nicht beschmutzend. Der Vorgang wird wiederholt und wie­der­holt, bis die Wand perfekt in frischem weiß strahlt. Dabei ist festzuhalten, dass es sehr viel Mühe bedarf nicht mit jeder Rollbewegung die alten porösen Farb­schich­ten immer und immer wieder zu beschädigen und herunter zu reißen. Die Wand ist nun perfekt fertig gestrichen und der Farbeimer wird geschlossen. Bis auf die Schu­he, welche randvoll mit Schutt gefüllt sind, ist das Bild so weiß und rein, dass der Staub und die Baustelle vergessen scheinen. Ich nehme den leeren Eimer, welcher zu An­fang dem Transport der Malutensilien diente und steige auf den Staubberg. Mit mei­nen Händen befülle ich ihn mit dem Staub, dem Anschein nach aufräumend. Mit dem gefüllten Ei­mer dicht an der Wand stehend wende ich mich dem Publikum zu, halte eine Se­kun­de inne um den Eimer mit beiden Händen in die Höhe zu strecken und sei­nen ge­sam­ten Inhalt über mich zu ergießen. Den gesamten Raum durchzieht eine wunder­volle gigantische Staubwolke, der die Zuschauer komplett einhüllt. Mit dem Eimer im­mer noch in der ausleerenden Überkopfposition haltend und mit festem Blick gerade­aus, warte ich, dass alle Zuschauer gegangen sind.
Hintergrund: Immer nur Fragen und keine Antworten. Ständige Zweifel und das Streben und Suchen nach einer Lösung. Einer Lösung und keinem Kompromiss. Keine harmo­nische Diplomatie, es niemanden anderem recht machen, mit sich selbst im Reinen sein, zufrieden und glücklich. Keine für andere perfekte Welt bauen, nichts formal Ästhetisches schaffen, was von anderen bestaunt wird und jedoch nur innere Leere hinterlässt. Kurzer Auszug aus dem „Werkstattbuch“: ICH WILL: …was absurdes Fröhliches tun – was Verrücktes, mal keine Verantwortung für nix und niemand, kein Fels in der Brandung, der der Urkraft des Wassers trotzt, sondern der, der mit der Arschbombe ins Schwimmbecken springt, mal nicht nur höflich, lieb, nett, hilfsbereit und rücksichtsvoll, mal nicht formal-ästhetische „Edle Einfalt – Stille Größe“, was, was herausfordert.