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Lisa Nickolaus / 10 min

Der Raum wird von den Besuchern betreten. Sie blicken auf zwei Reihen mit weißer Kreide gezeichneter Kästchen, in denen sie ihre Schuhe abstellen können. Der schmale Gang zwischen den beiden Reihen teilt den querformatigen Raum in zwei Abschnitte: Links von der Reihe liegt mittig eine kugelförmige Glühbirne hinter der sich eine kleine runde Wanne mit schwarzem Wasser und Dunkelheit erstreckt. Der linke Teil des Raumes wird hingegen von der Glühbirne mit Licht versorgt. An dessen Ende steht ein abgenutzter Holztisch mit zwei gegenstehenden Holzstühlen. Auf dem in den Raum gerichteten Stuhl sitzt die Performende und blickt zur Decke, verfolgt die Schatten der Hineintretenden. Auf dem Tisch stehen hintereinander zwei Teller, der für sie Vordere besitzt einen kreisrunden Goldrand. Von ihr aus gesehen links neben ihm liegen fünf hintereinander aufgereihte Rapshülsen. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich links und rechts je fünf kleine Silberlöffel, der Größe nach geordnet. Zwischen ihnen befindet sich kein Teller. Die Performende trägt lediglich weiße Schuhe und eine beige grobe Strickjacke bis über die Oberschenkel, die mit schwarzen runden Knöpfen versehen ist. Ihre Fingerspitzen liegen unter dem Teller auf dem Tisch auf. Alles ist still.
Die Performende blickt in den Raum, auf die im Dunkeln liegende Wand gegenüber. Ihre Finger tippen sanft, aber schnell von unten gegen den Tellerrand. Das Geräusch wird lauter, bis sich die Fingerspitzen nach links beziehungsweise rechts hin bewegen und nur noch auf dem Tisch bis zum Rand hin tippen. Auf den Tisch gedrückt werden die Finger zurück zum Teller gezogen. Während ihr Blick immer noch in den dunklen Raum gerichtet ist, greift ihre linke Hand nach der ersten Rapshülse, die sie blind öffnet. Kleine schwarze Kugeln prasseln auf den Teller, springen in die Luft, in den Raum. Die Bestandteile der Hülse werden getrennt. Das Mittelstück wird rechts, ein Seitenstück links auf den von ihr aus hinteren Teller gelegt. Das andere Seitenstück wird rechts vom Teller aufgereiht. Der Vorgang wiederholt sich noch 4 weitere Male, sodass sich auf dem hinteren Teller nebeneinander links fünf durchschimmernde Mittelstücke und rechts fünf feste beige Seitenstücke der Hülsen befinden. Die Performende schiebt den Teller über den Tisch zum gegenüberliegenden Platz, beugt sich dabei so tief nach unten, dass der Schatten der Tischplatte über ihr Gesicht nach oben wandert.
Sie steht auf, ohne den Stuhl nach hinten schieben zu müssen, geht zur Wand, rechts von ihr und dann nach links in Richtung zur anderen Seite des Raumes. Bei den weißen Kreidekästchen angekommen streift sie ihre weißen Schuhe mit den Füßen ab und tritt barfuß in den dunklen Raum. Sie knöpft die schwarzen runden Knöpfe auf und streift die dicke, unförmige Strickjacke ab. In der Luft mit einer Handbewegung zusammengelegt, wird die Jacke auf den Boden gelegt. Darunter trägt Performende schwarz und gleichzeitig nichts. Sie trägt Farbe, langärmelig, genau dort endend, wo die Jacke begonnen hat.
Die Performende schreitet mit platschenden, barfußen Schritten zu der hinten liegenden Wand. Hebt einen schwer in der Dunkelheit zu erkennenden Rapszweig mit vielen Hülsen auf, schüttelt ihn und dreht sich dabei einmal im Kreis. Ein Rasseln ist zu hören. Sie läuft an der Wand entlang weiter. Wiederholt den Vorgang mit vier weiteren Rapszweigen auf ähnliche Weise mit ähnlichen Geräuschen: Plücken, Surren, Vibrieren, Streifen. Am Ende der Wand angekommen, schreitet sie wieder nach vorne zu den weißen Kästchen und der Wanne. Sie setzt sich in den Schatten direkt hinter der Lampe neben die Wanne und beugt sich mit ihren Armen in die Wanne hinunter. Mit den Armen bis weit über Ellenbogen im schwarzen Wasser pustet sie sanft in das tiefe Schwarz. Ein weißes Ei ploppt auf der schwarzen Spiegeloberfläche auf. Sie fischt es heraus und hält es ins Licht, schlägt es mit einem kleinen Silberlöffel auf, bricht es auf… Nichts. Es enthält nichts, ist leer. Aufgebrochen legt sie es in den Schein, direkt vor die weiße Kugelglühlampe. Sie stützt sich wieder in die runde Wanne und pustet erneut. Wieder erscheint ein Ei, das wieder nichts enthält. Der Vorgang wiederholt sich ein drittes Mal. Beim vierten Mal Pusten taucht jedoch nichts mehr auf. Es wird stärker und stärker gepustet und auf einmal poppen sechs weitere Eier gleichzeitig auf. Sie alle werden immer schneller hintereinander geöffnet und enthalten wieder nur Leere.