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Kein stilles Wasser 1

Leonore Hecht / 10 min

Ich gehe bei Dunkelheit langsam über den Hof zum Teich. In der einen Hand halte ich ein
durchsichtiges, biegsames Rohr mit transparentem Muster, in der anderen einen
zusammengerollten langen Bogen von braunem Papier und eine solarbetriebene kleine
Leuchte. Ich trage ein schwarzes bodenlanges Kleid mit einem Muster aus weißen Blüten
und Gräsern, habe die Haare offen und bin barfuß. An der Stelle, wo das Ufer zum
Wasser hin abflacht, lege ich mich auf dem Boden auf den Bauch, mit dem Kopf zum
Wasser, und stecke die Lampe vor mir in den Boden. Ich halte das eine Ende des Rohrs
ins Wasser und das andere Ende an meinen Mund und beginne, den handgeschriebenen
Text von der Rolle vorzulesen, so dass meine Stimme durch das Rohr in den See dringt
und von außen nur einzelne Worte zu verstehen sind. Der Text ist ein Auszug aus Hans
Christian Andersens Märchen "Die kleine Seejungfer" und beschreibt das Leben des
Meervolks auf dem Meeresgrund. Ich lese, unterbrochen von kleinen Atempausen, bis
ich das Papier vollständig entrollt habe und am Ende des Textes angelangt bin. Dann
stehe ich auf, lasse Papier und Lampe an ihrem Platz zurück, drehe mich um und gehe
langsam den Weg zurück, den ich gekommen bin.