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what have i become
Alexandra Zettl [DE] / 30 min

In einem Raum: backsteinerne Wände, an denen Putzreste noch die Vergangenheit in die Gegenwart transportieren, wo der Himmel das Dach ist und Fenster und Türen. Dort gibt es eine Wand, ein großes Rechteck, darin ein Durchgang, war wohl mal eine Tür, eine Nische wie ein mittelprächtiges Fenster auf Brusthöhe, eine kleine rechteckige Öffnung, und eine dunkelrote Linie im Kreis. Ich stehe auf der anderen Seite, neben einem der großen West-Fenster mit Blick über den weiten Hof. Es ist der Eingang zum Raum; Menschen kommen und stellen sich neben mich, die Wand entlang. Ich schaue auf die andere Seite des Raumes und nach einer Weile, gehe ich geradewegs dort hin. Vor der anderen Wand, auf dem Boden, steht eine rechteckige Form mit gelblicher, wässriger Farbe darin und eine kleine Schüssel mit Wasser. Ich nehme die Form mit der Farbe und beginne mit meinen Händen auf dem Boden ein großes Rechteck zu ziehen. Am Ausgangspunkt wieder angelangt, bringe ich die Form zurück, stelle sie umgekehrt wieder an ihren Platz, wasche mir die Hände mit dem Wasser aus der kleinen Schüssel und stelle auch sie zurück. Ich stehe auf. In einem Loch in der Wand hinter mir, liegt eine Schere, die ich an mich nehme.
Beim Zeichnen habe ich einen Haufen geschnittener, blau-schimmernder Kugeldisteln, Wegwarte und dunkelrot-grüner Brombeerzweige und die davor liegende Rollen Paketschnur mit in den Rahmen eingeschlossen. Ich entwirre den Faden der ersten Rolle und schneide ein langes Stück davon ab. Die Schere lege ich zu Boden; dann geht es los: Ich beginne die Pflanzenteile mit der Paketschnur zu verknüpfen bis ein grobmaschiges Gewebe entsteht. Die Sonne brennt vom Himmel und ich schwitze während die Stacheln sich in meinen Fingern verhaken. Nach jeder vierten Reihe trinke ich eines der drei Gläser Wasser, die hinter mir in der Nische stehen. Nach drei Stunden ist das Pflanzenmaterial aufgebraucht und zu einem Teppich, der das gelbe Rechteck am Boden füllt, verarbeitet. Ich stelle mich auf die Plane, auf der zuvor Disteln, Brombeere und Wegwarte lagen und schaue nun auf die gegenüberliegende Wand. Nach und nach kehren Menschen in den Raum zurück und schauen zu mir herüber.
Dann nehme ich die Schere, schneide mittig vom Fuß zur Hüfte erst das linke Hosenbein, dann das rechte auf und sie fällt von mir ab. Die Schere wandert weiter zum T-Shirt und zertrennt auch dieses in der Mitte. Ich lege es ab als wäre es eine Weste. Fast nackt, steh ich da, bis auf den Slip. Doch auch dieser wird nicht bleiben, denn schon durchtrennt ihn die Schere mit ein paar Schnitten und auch er fällt zu Boden. So stehe ich da, vor allen Anwesenden. Ein Häufchen schwarze Kleidung liegt zu meinen Füßen. Ich gehe zu dem Rechteck, das ich geknüpft habe, hebe es an, stecke meinen rechten Arm durch die groben Maschen, dann den linken Arm und zuletzt finde ich ein Öffnung für meinen Kopf. Ich bin wieder bedeckt; neu eingekleidet verharre ich am Ort.